Die Fakultativ- und Triebwagen

Gleichnisse sind keine Beweise.
(Karl Ferdinand Gutzkow, dt.Schriftsteller, 1811 - 1878)

Die Fakultativwagen:

Fakultativwagen sind einfache Personenwagen dritter oder vierter Wagenklasse, die durch Abmontieren der Sitzbänke als gedeckte Güterwagen verwendet werden können. Im Allgemeinen haben solche Wagen Stirnplattformen mit Türen zur Personennutzung und zusätzlich eine Schiebetür in der Seitenwand zur Beladung mit Gütern.

Einordnung als Güterwagen bis 1909

Im Verzeichnis der Güterwagen von 1895 "Band II Vollspurige Güterwagen und Privatgüterwagen" sind die Wagen als "Bed.[deckte] Güterwagen mit Einricht. für Personenbeförd. (GCi im Winter G)" [GWV z.B. Laufende Nr 354] eingetragen.

Das Werkfoto des Fakultativwagen 6046 [MAN S.44] der dritten Klasse von MAN zeigt einen grauen Güterwagenanstrich mit den typischen Anschriften (außer Militäranschrift für Pferde) und mit zusätzlichen schattierten Klassenziffern "III" unter den äußeren Fenstern.


Abb.:    Fakultativwagen (in Bau)
Gut erkennbar ist die seitliche Ladeluke für Güter und die Stirnplattformen für den Personentransport. Gelb/schwarze Anschriften und Klassenbezeichnung fehlen noch.
Foto: Verfasser

Ein Foto von 1912 [SR3 S.60, Schnellzugloks S.104, Repro Slg.Grundmann] zeigt Fakultativwagen 10822 in Dresden Hauptbahnhof mit den alten (gelb/schwarzen) Güterwagenanschriften.

Einordnung als Personenwagen ab 1910
Ein Bild mit den 1909/10 üblichen Personenwagenanschriften (Krone über römischen Klassenziffern) scheint ein Foto von Tharandt zu zeigen.[SR1 S.51] Dabei sieht man auch keine Bodenflächen/Militäranschriften.[vgl. SR1 S.68f]

Es gibt eine ganze Reihe von Fotos, welche die Wagen mit farbigen Wappen und arabischen Klassenziffern zeigen. Offenbar folgte die Gestaltung nach 1911 den Grundsätzen für Personenwagen. Ein Bild mit den nach 1910 üblichen Güterwagenanschriften (Verbandsanschriften) ist mir nicht bekannt.

Auf einem Foto [EJ 7/98 S.86, Sachsenreport5 S.21 falsch beschriftet] des Bahnhof Possendorf (eröffnet 1908) auf der Windbergbahn sieht man einen Fakultativwagen (erkennbar an der Schiebetür) mit hellen arabischen Klassenziffern auf schwarzem Grund und bunten Personenwagenwappen. (die Datierung "um 1905" ist Unfug, da der Bahnhof da noch gar nicht existierte).
Einen weiteren hellen 4.Klasse Fakultativwagen mit farbigem Wappen sieht man auf einem Foto von Bischofswerda.[Ansichtskarten II S.48]

Offenbar wurde der Wagen als Personenwagen 4.Klasse (hellgrau!) angestrichen und beschriftet. Dunkle Fakultativwagen (3.Kl. braun?) sind auf dem Bild von Possendorf auch zu finden, leider nicht mit lesbaren Anschriften. Weitere Normalspurwagen 4.Klasse mit farbigem Wappen wurden um 1915 in Königsbrück fotografiert.[Hengst S.17]

Möglicherweise gab man die Nutzung zum Gütertransport auch ganz auf. Der Aufwand zur Lagerung der Bänke überschattete ohnehin die Flexibilität.[wo hab ich das gelesen?]

Die Triebwagen:

Die Triebwagen zeigen auf allen Fotos einen Personenwagenanstrich. Da sie zur dritten Klasse gehörten waren sie sicherlich alle braun. Details dazu stehen auf der Personenwagen-Seite

Zu den Thomas-Dampftriebwagen HzO von 1883 kann ich keine Angaben machen, auch kenne ich kein Vorbildfoto.

Der Serpollet Dampftriebwagen S1 von 1903 zeigt auf dem Betriebsfoto [Preuß S.233, Lokarchiv 2 S.179, SR 6 S.98, Wikipedia S1] den normalen Wagenanstrich mit röm. Klassenziffern III, Gusskrone und Porzellanschild.

Vom Akkutriebwagen E1 von 1904 gibt es mindestens drei Fotos. Ein Siemens-Werkfoto [EJ Akkutriebwagen S.20f, Troche S.23], eine Betriebsaufnahme in Mügeln [SR 8 Seite 57] und eine Betriebsaufnahme Dresden Hbf. [Lokarchiv 2 S.182, Wikipedia E1]
Auf der besten Reproduktion des Werkfoto [EJ Akkutriebwagen S.20f] kann man ebenfalls einen Anstrich für Wagen der dritten Klasse erkennen. Noch 1960 waren am Wagenkasten die Porzellannummernschilder vorhanden! [Günter Meyer in MEB 12/1989] Die neueren Anschriften mit farbigen Wappen hat er möglicherweise nie erhalten, der typische DRG-Adler war aber mal angebracht.[Meyer3 S.39]

E1
Abb.:    Akkutriebwagen E1
Zeichnung im Lieferzustand als Personenwagen der dritten Klasse.
Die eckigen Zierlinien sind weggelassen.
Zeichnung: Verfasser

Vom Benzoltriebwagen Dai 1 von 1904 liegt nur ein einzelnes nichtretuschiertes Foto vor.[Kittel S.82] Es zeigt eine Gusskrone und eckige Zierlinien, eine analoge Farbgebung wie beim S1 und E1 liegt nahe.

Der dieselelektrische Triebwagen DET 1 hatte bei seiner Probefahrt bereits die neueren Anschriften [SR 6 S.103] mit farbigen Wappen und arabischen Klassenziffern der dritten Klasse. Gut sichtbar sind die Anschriften auf einer späteren Aufnahme.[Lokarchiv 2 S.188]

Die Länderbahnfotos der Meterspur-Elektrotriebwagen I MET von der Abnahmefahrt (4.Mai 1917) und der Betriebsaufnahme (15.Mai 1917) [Mißbach S.120ff, SA 6 S.179?] zeigen komplett dunkle Fahrzeuge mit farbigen Wappen. Auf Klassenziffern wurde wohl aufgrund des straßenbahnartigen Betriebes verzichtet.

Nils Moh
(merman bei arcor.de)