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Das Rätsel der Schwarzweißfotos



Die folgenden Gedanken sind allgemeiner Natur und nicht auf Sachsen beschränkt. Deshalb hier in geballter Form ohne direkten Bezug auf eine bestimmte Bahnverwaltung:

Ziel der Analyse von Schwarzweißfotos sind Anschriftenformen (ohne direkten Farbenbezug) und Rückschlüsse auf die Verwendung verschiedener Farben nebeneinander.

Anstriche im Verlaufe des Lebens

Ein Schienenfahrzeug trägt im Allgemeinen eine Reihe verschiedener Anstriche im Laufe seiner Existenz. Bevor man weitreichende Schlüsse zieht, muß man den abgebildeten Anstrich auf seinen Fotos identifizieren.

Fotoanstrich

Schwächen des verfügbaren Filmmaterials führten schon in den 1860er Jahren zu Spezialanstrichen mit besonders hellen Farben und hervorgehobenem Kontrast. Da solche Anstriche Privatsache des Herstellers waren, hatten diese bei der Auswahl werbewirksamer Verschnörkelungen eine freie Hand. Der Anstrich kann dem späteren Lieferanstrich der Bahnverwaltung widersprechen. Jede Lokomotivfabrik entwickelte im Laufe der Jahrzehnte einen eigenen Stil. Bei einzelnen Fabriken haben Lackierungsschemata des Hauptkunden den Fotoanstrich beeinflusst. Die sächs. Maschinenfabrik Chemnitz hat dann sogar Loks für ostasiatische Bahnen mit der Zierlinienanordnung der K.Sächs.Sts.E.B. versehen.

Bei Lokomotiven sind Fotoanstriche oft gut dokumentiert, d.h. in Form von Postkarten und Firmenkatalogen überliefert.
Bei Wagen sind solche Anstriche recht selten, der Aufwand lohnte sich wohl nicht.

Lieferanstrich

Vor der Ablieferung an den Kunde musste der bestellte Anstrich aufgetragen werden. Eine Rücksichtname auf werbewirksame, kontrastreiche Fotos war dabei nicht mehr möglich. Die Lackierung war damals ein sehr aufwendiger Vorgang, der bis zu zwei Wochen in Anspruch nehmen konnte. Bei Wagen wurde der Lieferzustand (manchmal auch noch ohne Anschriften) oft auf Werkfotos festgehalten. Bei Lokomotiven ist er seltener dokumentiert.
Anlässe für entsprechende Fotos waren:
-Fabrikjubileen
-Abnahmefahrten bzw. Übergaben an den Besteller
-Betriebsfotos (zufällig) kurz nach der Lieferung
-Sonderausstellung wie in Seddin 1924, da muß aber vorher geklärt werden, ob ein normaler Betriebsanstrich oder ein spezieller Sonderanstrich angebracht wurde

Betriebsverwitterung

Der ursprüngliche, neue, glänzende Anstrich verwittert, wird rauh und verliert feine Details. In diese Kategorie fällt auch das Ausbleichen der Farbe durch Sonneneinstrahlung und Farbveränderungen durch Putzmittel. Dieser Zustand wird von den allermeisten Betriebsfotos gezeigt.

Neuanstrich

Wenn der Anstrich zu verschlissen ist, wird er von einer (meist) bahneigenen Werkstätte erneuert. Dabei wird aber nicht unbedingt der Lieferzustand wieder hergestellt, sondern neue Vorschriften umgesetzt oder auch Vereinfachungen vorgenommen.

Fotografische Wiedergabe

Bei aller Euphorie: Schwarzweißfotos stellen nur Helligkeitsunterschiede dar - eigentlich nichtmal das. Erfurter Eisenbahnfreunde haben sogar Schwarzweißfotos zwecks Farbanalyse zu ORWO geschickt, natürlich ohne Ergebnis ..
Leider schwankt die Qualität alter Fotos stark und Reproduktionen in der Sekundärliteratur liefern weitere Unsicherheiten. So kann ein und die selbe Vorlage in zwei Büchern zu völlig verschiedenen Schlüssen führen :-/
Ein Beispiel: Das Ausstellungsfoto der XX HV in Seddin findet sich in vielen Büchern - aber nur die Wiedergabe in [Klebes] lässt eine Schluß zur Farbe der Rauchkammer zu.

Auch ein schwarzer Kessel kann auf Fotos erstaunlich hell erscheinen, wenn die Reproduktion sehr stark belichtet oder hell entwickelt wurde. Erkennbar ist dies oft an einem ebenfalls sehr hellen Untergestell. Untergestelle sind meist rot oder schwarz und erscheinen deshalb normalerweise dunkel (siehe folgender Abschnitt).

Das Filmmaterial:
Nicht alle Farben werden nur nach ihrer Helligkeit abgebildet. Altes Filmmaterial ist für blaues Licht recht empfindlich (hell im Foto) und für rotes Licht nahezu unempfindlich (sehr dunkel im Foto).
Dazu ein Zitat aus Luegers Lexikon der gesamten Technik von 1904:
"Die gewöhnliche Bromsilbergelatine besitzt das Maximum der Empfindlichkeit gegen Hellblau, Blau, Violett und Ultraviolett des Spektrums; gegen Grün, Gelb und Rot fällt die Lichtempfindlichkeit enorm ab." Artikel Photographie
Obwohl eine Reihe chemischer Mixturen diese Spektralabhängigkeit veringern, sind Länderbahnfotos davon noch betroffen. Siehe auch Wikipedia

Ein eindrucksvolles Beispielfoto findet sich im Buch von Wolfgang Diener [Diener(PW)S.14f].
Dort ist ein Personenwagen ABCCü der Reichseisenbahnen Elsaß-Lothringen (von 1908) abgebildet. Dessen Farben (grün mit gelben Zierlinien im Bereich 1.-2.Klasse und braun mit roten Zierlinien im Bereich 3.Klasse) sind aus anderen Quellen bekannt. Auf dem Foto sieht man die hellen Zierlinien sehr gut, die roten hingegen kann man nicht einmal erahnen. Das Rot wird sehr dunkel und hat keinen Kontrast zum Wagenkasten. Der Unterschied zwischen grünem und braunem Wagenkastenteil ist zwar vorhanden, aber sehr gering.

Materialbedingte oder wetterbedingte Glanzunterschiede können auch Farbunterschiede vorgaukeln wo keine sind.

Retuschen

Eine grosse Falle sind retuschierte Bilder. Von Zierlinien über Wagenanschriften bis zu ganzen Zügen (sic!) wurde schon alles in Fotos hineingemalt. Einzelne Publikationen verlieren dadurch fast ihren Quellenwert. Die Beweggründe reichen von Verschönerung bis zum Ausgleich mangelnder Papierqualität.
Indizien sind:
-falsche Perspektive (oft bei lesbarer Schrift)
-plötzliches Deutlichwerden vorher kaum erkennbarer Linien (schwarze Fasen an Güterwagen),
-Abweichungen einzelner Druckbuchstaben (vor allem bei Wagen)
-zu gute Detailierung um wahr zu sein - und auch hier im Gegensatz zu anderen Bildteilen
-Ungenauigkeiten am Linienende, d.h. zu kurze oder zu lange Striche

Jedenfalls hilft dagegen nur eine gesunde Skepsis und ein gesundes Vergrößerungsglas.

Bewertung der Fotografien

Hat man nun eine Helligkeitsabstufung gefunden, kann man daraus immernoch keine Farbaussagen treffen. Die oben genannte Verwitterung kann bei mehreren Bahnfahrzeugen ganz unterschiedliche Wirkungen hervorrufen. Deshalb sind Unterscheidungen, beispielsweise zwischen grünen und braunen Wagen in einen Zug, mit Vorsicht zu betrachten. Eine Entscheidung zwischen Farben mit sehr verschiedener Helligkeit (hellgrau oder schwarz?) ist bei einer genügend großen Fotoauswahl aber möglich.


Die grundlegende Farbaussage muß aus anderen Quellen wie zeitgenössischen Zeichnungen oder Schriftquellen kommen.


Verschiedene Verwitterungszustände grüner Waggons
Foto: Verfasser (Freital-Hainsberg 2008)

Die Frage nach einer genauen RAL-Festlegung erübrigt sich angesichts der vorgenannten Punkte von selbst.

Nachcolorierte Fotos

Nach Betrachtung vieler Ansichtskarten bin ich zu folgendem Schluß gekommen:
Je mehr Farben ein Retuscheur zur Verfügung hat, desto bunter wird das Ergebnis. Von einheitlich grauen Zügen, über im Wechsel grüne und braune Waggons, bis hin zu reiner Fantasiefarbgebung in gelb (Nein.. nicht mecklenburgisch) ist da alles möglich. Ich unterstelle dem Künstler keine Böswilligkeit, aber das Auseinanderhalten verschiedener Wagengattungen auf Schwarzweißfotos ist ein Hobby unserer Tage.

Etwas anders stellt sich die Sache bei Herstellerdokumenten dar, z.B. einem Katalog. Da gibt es tolle Beispiele wie preußische Akkutriebwagen und irreführende wie badische Loks in blau.

Als Quelle sind die allermeisten colorierten Fotos leider zu unsicher.

Zum Schluß

Dieser Text ist absichtlich nicht mit Quellenangaben überfrachtet, die genannten Probleme sind aber real.
Wichtig ist die Überpruefung getroffener Annahmen durch weitere Fotos oder andere Quellen.

Nils Moh (merman bei arcor.de)

Quellen:
[Diener(PW)] Diener, Wolfgang: Anstrich, Beschilderung und Anschriften an Reisezugwagen, EMB 1987
[Klebes] Klebes, Günther: Die Dampflokomotiven auf der Eisenbahntechnischen Ausstellung in Seddin
[Schmalspuralbum x] Neidhardt, Ingo (Hrsg.): Schmalspur-Album Sachsen Band x, Merker/ VG Bahn 2001ff

 

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